Orientierung am Mensch: Was sie ist und wie sie entsteht
Die Situation im Video unten zeigt Orientierung am Mensch: Mein Hund Quba läuft auf dem Spaziergang vor mir. In der Ferne erscheint ein Fahrrad. Er nimmt es wahr und schaut zu mir. Ich sage nichts, verlasse den Weg und gehe auf die Wiese. Quba schliesst sich an. Als das Fahrrad vorbeigefahren ist, schaut er nochmals kurz nach mir, folgt meiner weiteren Bewegung und geht schliesslich wieder vor mir.
Eine unspektakuläre Begegnung und dennoch ist sie fein abgestimmt. Hier wird eine Alltagssituation ohne gesprochenes Kommando oder eigens für diese Situation trainierten Ablauf gemeinsam bewältigt. Der Hund nimmt seine Umwelt wahr, bezieht mich als seine Sozialpartnerin mit ein und stimmt sein Handeln auf meine Bewegung ab.
Ich habe Quba kein explizites Verhalten für diese Fahrradsituation beigebracht. Dennoch bewältigen wir sie gemeinsam. Wieso ist das so? Die entscheidende Frage lautet: Welche Bedeutung hat der Mensch für den Hund, sodass dessen Verhalten in diesem Moment zur relevanten Information wird?
Konditionierung erklärt Lernprozesse – aber nicht allein die gesamte soziale Beziehung
Klassische und operante Konditionierung sind wissenschaftlich gut belegte Lernprozesse. Sie wirken auch im alltäglichen Zusammenleben, unabhängig davon, ob wir bewusst trainieren. Hunde entwickeln Erwartungen darüber, was auf bestimmte Ereignisse folgt und welche Folgen ihr eigenes Verhalten hat.
Die Anerkennung dieser Prozesse verpflichtet uns allerdings nicht zu einem Menschen- und Hundebild, das Verhalten auf isolierte Reiz-Reaktions-Verknüpfungen reduziert. Dass Hunde durch Konditionierung lernen, bedeutet nicht, dass sie lediglich auf Reize reagieren oder auf Belohnungen hinarbeiten. Um ihr Verhalten umfassend zu verstehen, müssen wir auch berücksichtigen, was sie wahrnehmen, fühlen und erreichen möchten, welche Erfahrungen sie mitbringen und wie sie die Beziehung zu ihrem Menschen erleben, respektive welche Rolle der Mensch im Mensch-Hund-Gefüge in den Augen des Hundes besetzt.
Der Mensch als soziale Informationsquelle
Hunde nehmen wahr, wie wir uns in einer Situation verhalten: Wohin gehen wir? Worauf achten wir? Bewegen wir uns ruhig oder wirken wir angespannt? Unser Verhalten kann ihnen helfen, eine Situation einzuschätzen und ihr eigenes Handeln darauf abzustimmen.
Ob ein Hund unsere Orientierung gerne annimmt, hängt wesentlich davon ab, welche Erfahrungen er mit uns macht. Nur weil wir sein Mensch sind, werden unsere Entscheidungen für ihn nicht automatisch hilfreich oder überzeugend. Diese Bedeutung wächst im Zusammenleben: Erlebt der Hund, dass wir seine Bedürfnisse wahrnehmen, verständlich handeln und ihn auch durch schwierige Situationen begleiten können, kann daraus Vertrauen in unser Handeln entstehen.
Hier wird im Video Qubas Blick zu mir interessant. Er hat das Fahrrad entdeckt und richtet seine Aufmerksamkeit anschliessend auf mich. Ich gehe auf die Wiese, und er schliesst sich an. Was er dabei im Einzelnen denkt oder erwartet, können wir nicht wissen. Sichtbar ist aber: Er nimmt meine Bewegung wahr und geht mit.
Darin liegt ein wesentlicher Teil sozialer Orientierung: Der Hund beschäftigt sich mit seiner Umwelt und bleibt zugleich mit seinem Menschen in Verbindung. Damit dessen Handeln zu einer gerne angenommenen Orientierung werden kann, muss der Hund im Alltag erfahren dürfen, dass es ihm hilft.
Gemeinsame Bewegung ist ein soziales Geschehen
Für Qubas Verhalten ist die Verhaltenssynchronisation ein besonders passender Bezug. Ich verändere meine Bewegungsrichtung, er nimmt dies auf und passt seine eigene Fortbewegung an. Die folgende Studie besagt, dass die Bindung zwischen Hund und Mensch auch alltagsnahes, untrainiertes Verhalten prägt: Der Mensch wirkt für den Hund ähnlich wie eine sichere soziale Bezugsperson bzw. „Anziehungspunkt“, vergleichbar mit der Rolle der Eltern für Kinder. Duranton, Bedossa und Gaunet, 2017
Der Hund muss weder meine gesamte Absicht gedanklich rekonstruieren noch eine abstrakte Verkehrsregel verstanden haben, sondern er schliesst sich im Rahmen des sozialen Geschehens an. Gemeinsam unterwegs zu sein bedeutet entsprechend, die eigenen Bewegungen immer wieder mit denen des anderen zu koordinieren.
Das zeigt sich auch daran, dass Orientierung keine feste räumliche Position voraussetzt. Quba läuft zunächst vor mir und später wieder. Ob ein Hund seinen Menschen berücksichtigt, lässt sich nicht daran ablesen, ob er vor, neben oder hinter ihm geht. Aussagekräftiger ist, ob er dessen Verhalten wahrnimmt und situationsangemessen darauf eingehen kann.
Was bedeutet es, dem Hund ein Vorbild zu sein?
Im Alltag ist «Vorbild» ein verständlicher Begriff. Für das Zusammenleben lässt sich der Vorbildgedanke so präzisieren: Ich gestalte durch mein eigenes Verhalten eine nachvollziehbare Handlungsmöglichkeit, an der sich mein Hund orientieren kann.
Dazu gehört mehr als eine demonstrative Bewegung. Entscheidend ist auch, ob mein Verhalten zur Situation passt. Erkenne ich frühzeitig, dass Abstand hilfreich ist? Wähle ich einen Weg, den mein Hund bewältigen kann? Bleibe ich verständlich? Berücksichtige ich seine Wahrnehmung und sein Erregungsniveau?
Der Wert meines Beispiels beziehungsweise Vorbilds entsteht für den Hund durch das, was er mit mir erlebt.
Soziales Lernen und unmittelbare soziale Abstimmung greifen dabei ineinander. Im gemeinsamen Alltag kann der Hund durch Beobachtung und Interaktion Erfahrungen darüber sammeln, welche Informationen mein Verhalten liefert. In einer konkreten Begegnung kann er auf diese Erfahrungen zurückgreifen. Nicht jedes Mitgehen ist deshalb ein neuer Lernvorgang oder eine Nachahmung im engeren Sinn. Es kann Ausdruck einer bereits gewachsenen Fähigkeit sein, unser Handeln aufeinander abzustimmen.
Bindung schafft einen Rahmen für eigenständiges Handeln
Eine sichere Bindung kann dem Hund Rückhalt geben, um sich eigenständig mit seiner Umwelt auseinanderzusetzen. Er kann erkunden, eigene Erfahrungen sammeln und sich zeitweise von seinem Menschen entfernen. Zugleich bleibt dieser als vertrauter Ansprechpartner verfügbar, wenn der Hund Unterstützung braucht.
Eigenständigkeit bedeutet dabei mehr als räumlichen Abstand. Sie zeigt sich auch darin, dass der Hund eigene Handlungen beginnen, Situationen erkunden und innerhalb eines angemessenen Rahmens Entscheidungen treffen kann. Der Mensch unterstützt diese Entwicklung, indem er Sicherheit bietet, Überforderung erkennt und dem Hund Raum für eigene Lösungen lässt.
Für die Orientierung bedeutet das: Ein Hund muss seinen Menschen nicht ständig anschauen oder unmittelbar neben ihm bleiben, um mit ihm verbunden zu sein. Er kann seiner Umwelt zugewandt sein und zwischendurch Kontakt aufnehmen, sich abstimmen oder Unterstützung suchen.
Der grosse praktische Vorteil: ein gemeinsamer Bezugspunkt in wechselnden Situationen
Man kann einem Hund beibringen, beim Auftauchen eines Fahrrads die Wiese aufzusuchen und dort zu warten. Eine solche Verhaltensroutine beantwortet eine konkrete Aufgabe mit einem bestimmten Ablauf in einem spezifischen Kontext.
Soziale Orientierung eröffnet darüber hinaus eine andere Möglichkeit der Alltagsorganisation: Der Hund berücksichtigt das aktuelle Handeln seines Menschen. Dadurch kann sich die gemeinsame Lösung an die jeweilige Situation anpassen.
Vielleicht ist heute die Wiese geeignet. Morgen bietet sich eine breite Einfahrt an. Ein anderes Mal reicht es, das Tempo zu verändern oder einen Bogen zu gehen. Wenn der Hund sich an der Bewegung seines Menschen orientieren kann, muss nicht jede räumliche Variante über ein eigenes Kommando beziehungsweise Signal kleinschrittig und mühselig aufgebaut und organisiert werden.
Der Vorteil eines orientierten Hundes liegt somit in einer flexibleren Abstimmung. Der Mensch gibt durch sein Handeln unmittelbar nutzbare Informationen; der Hund beteiligt sich, indem er diese wahrnimmt und sein Verhalten entsprechend anpasst.
Diese Flexibilität entwickelt sich durch Erfahrung. Wie gut sie in einer konkreten Situation verfügbar ist, hängt auch von Ablenkung, Erregung und emotionaler Belastung ab. Eine hilfreiche Orientierung setzt deshalb voraus, dass der Mensch die Situation so gestaltet, dass sein Hund sie bewältigen kann.
Freiwilligkeit braucht tatsächlichen Handlungsspielraum
«Freiwillig» bedeutet nicht «ungelernt». Ein Hund kann sich aufgrund umfangreicher Lernerfahrungen gerne anschliessen. Ebenso kann er ein ausdrücklich trainiertes Signal bereitwillig ausführen. Ob er dabei Handlungsspielraum erlebt, lässt sich jedoch weder am Verzicht auf körperlichen Zwang noch am Einsatz von Belohnungen allein erkennen.
Auch positive Verstärkung kann Teil einer Interaktion sein, die Druck erzeugt. «Positiv» bezeichnet hier das Hinzufügen einer Konsequenz (z.B. ein Leckerli), durch die ein Verhalten künftig wahrscheinlicher wird. Der Begriff trifft für sich genommen keine Aussage darüber, wie selbstbestimmt der Hund die gesamte Situation erlebt.
Wenn ein Mensch den Zugang zu begehrten Ressourcen kontrolliert, ausschliesslich eine eng vorgegebene Reaktion gelten lässt und andere Bedürfnisse oder Lösungsversuche übergeht, kann auch ein belohnungsbasiertes Vorgehen die Handlungsmöglichkeiten des Hundes erheblich einschränken. Besonders deutlich wird dies, wenn der Hund zwischen einer attraktiven Belohnung und seinem Bedürfnis nach Abstand oder einer Pause in einen Konflikt gerät. Dass er sich für die Belohnung entscheidet, belegt noch kein unbelastetes Einverständnis mit der Situation.
Für die Beurteilung von Freiwilligkeit müssen wir genauer hinsehen: Kann der Hund innehalten, Abstand wählen oder sich entziehen? Werden seine Mitteilungen berücksichtigt? Haben auch eigene, angemessene Lösungswege Platz? Oder entsteht eine permanente Erwartungssituation, in der jede Regung auf das vom Menschen gewünschte Ergebnis ausgerichtet wird?
Auf soziale Orientierung übertragen bedeutet das: Der Hund braucht Raum, die Umwelt wahrzunehmen, Informationen zu verarbeiten und sich mit eigenen Handlungen einzubringen. Der Mensch bietet durch sein Verhalten Orientierung und bleibt zugleich empfänglich für die Antwort des Hundes. So kann gegenseitige Abstimmung entstehen, bei der beide Einfluss auf den gemeinsamen Verlauf nehmen.
Wie wird ein Mensch zu jemandem, an dem sich der Hund gerne orientiert?
Diese Qualität lässt sich nicht durch einen einzelnen Blickkontakt-Trick herstellen. Sie entwickelt sich im wiederkehrenden Zusammenspiel.
Dafür braucht der Mensch Beobachtungsfähigkeit: Er muss erkennen, wann sein Hund noch ansprechbar ist, wann er Zeit zur Verarbeitung benötigt und wann die Situation bereits zu schwierig wird. Er braucht verständliche Handlungen und Verlässlichkeit. Und er muss bereit sein, selbst auf die Mitteilungen des Hundes zu reagieren.
Wechselseitigkeit ist dabei einer der Schlüssel. Wer vom Hund erwartet, die eigenen Bewegungen und Bedürfnisse zu berücksichtigen, muss umgekehrt auch dessen Signale berücksichtigen. Im gemeinsamen Alltag entsteht so eine Erfahrungsgeschichte: Dieser Mensch bemerkt, was geschieht. Seine Handlungen sind nachvollziehbar. Mit ihm lassen sich Situationen bewältigen.
Daraus kann die Bereitschaft wachsen, seine Vorschläge anzunehmen. «Vertrauen» lässt sich in diesem Zusammenhang als alltagssprachliche Beschreibung solcher gewachsenen Erwartungen verstehen.
Für die Arbeit mit Mensch und Hund verändert das den Blick. Neben der Frage «Welches Verhalten soll der Hund zeigen?» steht dann ebenso die Frage: «Was erlebt dieser Hund mit seinem Menschen, und weshalb sollte dessen Handeln für ihn eine hilfreiche Orientierung sein?»
Qubas kurzer Blick und sein anschliessendes Mitgehen machen sichtbar, wie viel Kommunikation in einem wortlosen Alltagsmoment liegen kann. Die interessante Frage ist deshalb nicht nur, wie man einem Hund das Ausweichen beibringt. Sie lautet insbesondere: Wie gestalten wir unser Zusammenleben so, dass unser Hund in unserem Handeln eine Orientierung findet, die er gerne nutzt?



